Meine Kinderwunschgeschichte Teil 3 – Bekomme ich ein behindertes Kind?

Wie ich schon erzählt habe, wurde mir aufgrund der Eileiterschwangerschaft der linke Eileiter entfernt. Blöderweise feuerte bei mir fast nur der rechte Eierstock und in mehreren Ultraschallkontrollen konnte links nie ein Eisprung gesehen werden. Aus diesem Grund empfahl mir meine Gynäkologin eine Stimulation mit Clomifen (ein Medikament, das den Eisprung fördert), um auch den trägen linken Eierstock zu Sprüngen zu bewegen. Details der Dosierung und den genauen Ablauf habe ich nicht mehr in Erinnerung.

Ich weiß allerdings noch genau, dass ich zum ersten Mal Clomifen nahm, kurz bevor mein Mann 6 Monate nach Hamburg und Berlin ging und die Entfernung bis zu mir in die Schweiz nicht gerade einer Schwangerschaft zuträglich sein würde.

Also war klar, jetzt oder erst mal länger nicht.
Gründe, um Druck aufzubauen war sowieso meine Stärke…

Ich nahm Clomifen und tatsächlich – völlig unglaublich – reiften 2 Eibläschen auf der linken Seite heran. Ich war so glücklich und gleichzeitig so nervös, ob es vor der Abreise meines Mannes noch zum Eisprung reichen würde…
Ich bekam eine Auslösespritze verschrieben, den richtigen Zeitpunkt dafür berechnete meine Frauenärztin aufgrund der Größe der Eibläschen.
Samstag morgen habe ich sie mir gespritzt, 36 Std. später – also Sonntag abend wurde ge❤️elt. Am frühen nächsten Morgen flog mein Mann nach Hamburg.

Ich weiß nicht mehr nach wie vielen Tagen ich getestet habe. Spannenderweise habe ich da tatsächlich eine Erinnerungslücke. Wenn ich mich allerdings in die Zeit hinein fühle, weiß ich wieder, wie furchtbar nervös ich war. Ich kann auch gar nicht mehr sagen, wie viele Zyklen wir es nach der Eileiterschwangerschaft wieder probiert hatten. Wahrscheinlich hat mein Hirn nur begrenzte Kinderwunschkapazitäten

8 Monate nach Verlust meines linken Eileiters war ich auf (fast) natürlichem Weg schwanger!!

Mein HCG-Wert war bei der Gynäkologin so hoch, dass sie eine Zwillingsschwangerschaft für möglich hielt, was sich allerdings nicht bewahrheitete. Beim ersten Ultraschall war eine Fruchthöhle und ein kleiner weißer Punkt, der rhythmisch da und weg war, zu sehen. Das Herz – dieser minikleine Punkt war das schlagende Herz meines Babies.
Dieser Moment ist einfach nicht zu beschreiben. Schon gar nicht von jemandem, der so überzeugt war, dass eine Schwangerschaft eigentlich gar nicht möglich war.

In der 7. Woche flog ich zu meinem Mann nach Hamburg. Bei mir fingen Fressattacken an. Ich hatte Heißhunger auf Currywurst. Morgens um 11:00 nahm ich auf der Mönckebergstraße die erste Wurst zu mir, abends die letzte, kurz bevor die Rolläden runter gingen. Ich habe in einer Woche 5 kg zugenommen.
Aber ich war glücklich.
Ich war schwanger.

Nach einer Woche kehrte ich in die Schweiz zurück. Ich war shoppen als ich merkte, dass ich Blutungen bekam. Die bloße Panik brach über mich ein. Den Druck auf der Brust, die Steine im Bauch spüre ich auch jetzt beim Schreiben, wenn ich daran denke.
Für mich war klar, der Traum war wieder vorüber.

Ich bekam recht zügig einen Termin bei meiner Frauenärztin.
Und als sie mir eine intakte Fruchthöhle mit schlagendem Herzchen zeigte war die Welt wieder in Ordnung.

Kurz.

Sie schallte recht lang. Ich schaute die Bilder natürlich mit an. Und obwohl ich von Schwangerschafts-Sonographien keine Ahnung hatte, fiel mir auf, dass am Rücken des Kindes eine Struktur war, die komisch aussah. Ich fragte die Gynäkologin, was das sei. Sie maß die Breite aus und meinte, das würde sie gleich mit mir besprechen.

Die Zeit, bis wir beide Platz an ihrem Schreibtisch genommen hatten, zog sich wie Kaugummi.
Da waren sie wieder, der Druck, die Steine, die Panik.

Was war los?

Meine Frauenärztin sprach in ruhigem, leisen Ton. Die Besorgnis hörte ich, ohne den Inhalt ihrer Worte zu verstehen.
Mein Baby hatte eine erhöhte Nackentransparenz, auch Nackenfalte genannt. 3,8mm. Das war zu hoch. Ich muss dazu sagen, dass ich erst in der 8. Schwangerschaftswoche war. Diese Messung wird eigentlich zwischen der 11- und 14. Woche durchgeführt. Es war aber klar, dass sie bis dahin nicht weggehen und eher nicht kleiner werden würde.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt von dieser Untersuchung noch nichts gehört. Demnach traf mich die Aussage meiner Ärztin wie ein Hammer:

„Ihr Kind wird zu 40% behindert sein.“

Eine erhöhte Nackentransparenz kann ein Hinweis auf eine Chromosomenbesonderheit, beispielsweise eine Trisomie 21 (Down-Syndrom), oder einen Herzfehler sein.

Inzwischen weiß ich, dass die Prozentzahl zu hoch gegriffen war.

Jetzt stand sie im Raum und für mich zerbrach eine Welt.
Ich telefonierte im Anschluss mit meinem Mann. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, die ganze Last alleine tragen zu müssen. Mein Kopf fuhr Achterbahn… und das über Wochen. Ich befand mich komplett im Ausnahmezustand. Zuhause, bei der Arbeit, eigentlich immer.

Ich habe das Dümmste gemacht, was in dem Moment möglich war. Ich habe das Internet durchforstet. Stundenlang.
Ich kannte jede Statistik.
Geholfen hat es nicht.
Auf jeden Hoffnungssschimmer kamen wieder 3 Einbrüche. Und es blieb einfach bei Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Und die geben nie Gewissheit. Sie machen Angst, sie machen Panik. Ich hatte Angst, eine von 20 Schwangeren mit behindertem Kind zu sein (das entsprach dem ungefähren Risiko), nicht die Hoffnung eine von 19 Schwangeren mit gesundem Baby.
Ich sehe heute in den ganzen Gruppen und Foren ständig diese Fragestellungen. Die Vergleiche. Die Hoffnung, irgendetwas Positives zu hören. Und trotzdem macht es in den seltensten Fällen Mut. Obwohl wir auf das Positive hoffen, steckt die Angst vor dem Negativen fest.
Ich kann heute nicht oft genug empfehlen, die Recherche im Internet oder die Vergleiche in Gruppen und Foren zu lassen. Und trotzdem weiß ich, wie groß der Drang danach ist.

Im Nachhinein ist mir etwas Bedeutsames aufgefallen.
Was war das Schlimme für mich bei dem Gedanken, ein behindertes Kind zu haben?
Es war nie die Angst, es nicht zu schaffen. Oder die Angst, dass mein Leben dadurch schlechter wird.
Eigentlich gab es nur eine Angst. Ich war nicht perfekt. Ich hatte Leute im Kopf, die mich daran messen würden. Ich hatte das Gefühl, damit an Wert zu verlieren. Immer wieder kam der Gedanke, „wenn ich doch wenigstens schon ein gesundes Kind hätte.“
Zeitgleich war für mich mit streng katholischer Erziehung der Ausweg über einen Abbruch kaum denkbar. Aber auch hier ging es in meinem Kopf nicht um MEINE Entscheidung. Es ging darum, wie meine Eltern denken würden, was von mir erwartet würde.

Mit meinem Mann habe ich sehr viele Gespräche geführt. Glücklicherweise waren wir uns sehr einig. Wir wollten eine Chorionzottenbiopsie machen lassen. In der Schweiz wird diese eher als eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht. Der Vorteil ist, dass sie in einer früheren Schwangerschaftswoche durchgeführt werden kann und das Ergebnis schneller vorliegt. Der Nachteil ist das höhere Risiko für die Schwangerschaft.

Unser Gedanke war, uns für das Kind zu entscheiden, wenn es lebensfähig wäre. Falls nicht, einen Abbruch vorzunehmen. Eigentlich war diese Planung im Voraus müßig. Ob es nachher so laufen würde… wer weiß das schon. Irgendwie gab es aber einen Hauch von Halt.

In der 11. Schwangerschaftswoche ging ich zu einem schweizer Nackentransparenz-Pabst. Er war mir von einem befreundeten Gynäkologen empfohlen worden.

Der Arzt war sehr freundlich. Da der Termin über unseren Freund ausgemacht worden war, wusste er auch gleich, dass ich ärztliche Kollegin war.
Sein Ultraschallgerät war an einen Beamer angeschlossen, der das Bild ca. 6×2 Meter groß an die Wand warf. Das Bild von meinem Kind…und seiner Nackenfalte.

Es folgte ein äußerst ausführlicher Ultraschall. Er erklärte mir jedes Detail der Nackenfalte. Ganz medizinisch – ich war ja Ärztin. Was er leider vergaß, dass in dem Moment keine Ärztin vor im lag, sondern eine völlig verängstigte werdende Mutter. Für mich war es ein Horrortrip.

Am Ende seiner Ausführungen war er überzeugt, dass mein Kind ein Turnersyndrom haben müsste. Dabei handelt es sich um eine genetische Erkrankung, die nur Mädchen betrifft. Im Bereich der genetischen Erkrankungen gehört dieses Syndrom sicher noch zu den positiveren.
Er führte noch einen Bluttest durch und die insgesamt errechnete Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung betrug 3%.
Von den ursprünglichen 40% war ich damit schon weit weg und ich hatte einen kleinen Hoffnungsschimmer. Für ihn war die Wahrscheinlichkeit „sehr hoch“ und er empfahl mir, direkt im Anschluss die Chorionzottenbiopsie durchführen zu lassen.
Wir hatten uns ja bereits dafür entschieden, also stimmte ich zu.

Ich erinnere mich noch, dass ich die Praxis wie ein geprügelter Hund verließ, obwohl der Gedanke an ein Turner-Syndrom genau wie die Wahrscheinlichkeit von 3% meinen Schrecken bereits etwas abgeschwächt hatte.

Ohne dass ich damit gerechnet hatte, rief mich der gynäkologische Kollege bereits am nächsten Tag bei der Arbeit an.

Er teilte mir mit, dass mein Kind genetisch gesund sei. Es hatte keine schwere Behinderung.

Auch jetzt kann ich den Abfall der Last nicht beschreiben. Mir liefen die Tränen runter. So viel Anspannung, so viel Angst durfte ich von einem Moment auf den anderen loslassen.

Genauso antwortete ich am Telefon. „Dann ist ja jetzt alles gut.“ Als Antwort bekam ich: „Nein, eigentlich fangen ihre Probleme damit erst an. Es kann ja auch etwas anderes sein.“

An der Stelle möchte ich den Text für heute beenden.
Ich habe mich oft gefragt: „Warum?“ Warum durfte ich nicht einfach meine Schwangerschaft genießen? Warum sind mir diese Dinge widerfahren?
Je älter ich werde, desto mehr Antworten bekomme ich darauf.

Ich habe viel über mich erfahren. Ich habe gemerkt, woher meine Ängste kommen und was sie mir sagen sollen. Ich glaube, ich hatte den Auftrag, meine Schwächen zu erkennen und daran zu arbeiten. Ich musste lernen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und mich von (geglaubten) Meinungen anderer zu lösen.

Ein behindertes Kind zu haben ist – ohne Frage – eine Lebensaufgabe. Ich bewundere die vielen Menschen, die damit ihr Leben leben und Unglaubliches leisten.
Ich habe in der Bekannschaft zwei Frauen, die dieses Schicksal mit einer bewundernswerten Stärke tragen. Bei beiden kann ich auch sehen, was es bewirkt: eine tiefe Verbundenheit und Liebe zu ihrem Kind. Das ist etwas Wunderbares.
Die, denen es erspart bleibt, haben einen ganz tiefen Grund, dankbar zu sein.

Auch als Ärztin habe ich etwas gelernt. Der Mensch, der als Patient vor dir sitzt, steckt in seiner Angst. Die gilt es zu erkennen und zu würdigen. Selbst wenn du selbst aus Eigenschutz niemals alles an dich ran lassen solltest, selbst, wenn du dich vor Mitleid schützen musst, ist es die Aufgabe eines Arztes, zu verstehen und dich darauf einzulassen.

Ich denke, die ganze Geschichte, hat mich gelehrt, ehrfürchtig zu sein und Gesundheit nicht als gegeben anzusehen.
Genauso weiß ich, dass es jeden Tag möglich ist, einen Schicksalsschlag zu erleiden. Das könnte mich jetzt in Angst und Schrecken versetzen. Aber nein, es gibt mir die Chance, immer wieder dankbar zu sein für das, was ich habe. Und ich habe inzwischen das Vertrauen, dass ich inzwischen die Stärke besitze, um viel auszuhalten.

Im nächsten Teil werde ich dir erzählen, wie die Schwangerschaft weiter verlief und welche weiteren Hochs und Tiefs auf mich zukamen.

Schreib mir gerne einen Kommentar zum Thema oder eigene Erfahrungen.

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