Meine Kinderwunschgeschichte Teil 4 – „Nein, eigentlich fangen Ihre Probleme jetzt erst an…”

“…es kann auch etwas anderes sein.”

Das war der Abschlusssatz des Gynäkologen am Telefon, nachdem er mir das Ergebnis der Chorionzottenbiopsie („Ihr Kind ist genetisch gesund“) mitgeteilt hatte.

Und da war sie wieder, meine Angst. Was stimmte nicht mit meinem Kind?

Eine erhöhte Nackentransparenz kann auch einen schweren Herzfehler bedeuten.

Den Gedanken daran fand ich nicht mehr so schlimm wie an eine Chromosomenstörung.
Vielleicht weil es in dem Bereich inzwischen viele Therapiemöglichkeiten gibt?
Oder weil ein Kind mit Herzfehler gesellschaftlich anerkannter ist als eines mit Trisomie 21? Ich weiß es nicht….

Und trotzdem blieben Angst und Sorge.
Bis zur 20. Schwangerschaftswoche. In dieser ließ ich einen großen Organultraschall machen und…alles sah bestens aus! Kein Herzfehler und keine andere Organsstörung waren zu sehen. Zu sehen war ein perfektes kleines Menschlein im Mutterbauch.

Nur leider hatte sich meine Angst in mir festgefressen. Irgendwas musste da doch sein!?!

Ich habe es die ganze Schwangerschaft über nicht mehr geschafft, mich vorbehaltlos zu freuen. Ich wartete immer auf das dicke Ende.

Ich bin traurig darüber. Mir hat es unglaublich viel genommen.
Ich weiß nicht, wieviel ein Kind im Mutterleib von den Gefühlen der Mutter wahrnimmt. Ich denke aber, dass es einiges ist.
Auch darüber bin ich traurig.
Die Angst war völlig unnötig. Sie hat mich nicht vor etwas geschützt, was ja die eigentliche Aufgabe der Angst ist.
Sie hat mir die Vorfreude genommen, sie hat mir einen entspannten Beziehungsaufbau genommen.

Wer mir ein bisschen geholfen hat, war meine Hebamme. Sie hat sich bei den Voruntersuchungen einfach auf ihr Gefühl verlassen und mir gesagt, dass sie keinen Grund sehe, warum mit dem Kind etwas nicht stimmen solle. Interessanterweise konnte ich ihr vertrauen. Mehr als den ganzen Untersuchungen vorher.

Mein Kind kam 10 Tage nach Termin auf die Welt. Ich könnte darüber philosophieren, dass ich ihn nicht loslassen wollte… Aber vielleicht ist es einfach nur Statistik.

Mein Sohn kam ohne Komplikationen auf die Welt. Groß, schwer und völlig gesund.

Ich erinnere mich noch an die U3 beim Kinderarzt.
Ich habe ihm vom Nackenödem erzählt, daraufhin er:
„Und dann haben Sie eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht und danach waren sie beruhigt.“
Ich: „Nein, es konnte ja auch ein Herzfehler sein.“
Er: „Okay, dann haben Sie einen Organultraschall machen lassen und dann waren Sie beruhigt“
Ich: „Nein, es könnte ja auch sonst etwas sein.“
Er (ein älterer sehr erfahrener Kinderarzt) atmete laut und tief durch und meinte:
„Ihr Kind IST in Ordnung.“

Irgendwann hörte ich meine Mutter am Telefon zu einer Freundin sagen: „…und das hängt ihr nach, sie behütet ihn wie ein rohes Ei.“

Mein Sohn ist gerade 17 geworden. Er ist gesund und ein ganz, ganz toller Kerl.

Was möchte ich mit dieser Geschichte aussagen.
Angst ist etwas, was unser Leben beeinflusst. Und letztlich nicht nur unseres, sondern auch das unserer Kinder. Unser Verhalten löst wieder vieles bei ihnen aus.

Mein „Aha“, das ich daraus ziehe, ist, dass wir uns unseren Ängsten viel früher stellen sollten. Wir können sie wieder auf ein Maß zurückschrauben, das ihnen zusteht und ihnen die Macht über uns nehmen. Ja, das geht – wenn wir uns damit befassen und uns der Angst stellen.
Ich glaube, dass es sehr sinnvoll ist, Ängste und blockierende Überzeugungen schon vor der Schwangerschaft oder möglicherweise auch während der Schwangerschaft zu bearbeiten. Damit tust du dir selbst einen Gefallen, viel mehr aber noch deinem Kind.

Damals bin ich nicht auf die Idee gekommen, mir Hilfe zu suchen. Es gab auch noch nicht so viele gute Angebote wie jetzt.
Ich habe damals wenig recht wenig darüber geredet. Es steckte ja noch so viel anderes hinter der Angst:
Scham, das Gefühl, nicht perfekt zu sein, fehlendes Selbstwertgefühl…

Ich bin jetzt viel älter. Inzwischen bin ich durch die Themen gegangen. Ich wünschte mir, ich hätte die Zeit damals mit den Ressourcen, die ich wiederentdeckt und dem Wissen, das ich inzwischen habe, erlebt.
Natürlich hätte ich mich trotzdem gesorgt. Und auch jetzt bin ich unglaublich dankbar, ein gesundes Kind zu haben.

Ich glaube aber, dass ich stärker gewesen wäre. Ich hätte mir Sorgen um mein Kind gemacht, aber weniger um mich.
Ich weiß jetzt, dass ich stark genug bin, Dinge zu verkraften.
Ich weiß, dass es egal ist, was andere über mich denken.
Ich selbst bin für mein Glück verantwortlich. Es hängt ab von meiner Haltung, nicht von der anderer.
Und vor allem weiß ich, dass mein Kind nie perfekt sein wird, genauso wie ich nicht perfekt bin. Und das müssen wir beide auch nicht sein. Die Liebe zwischen uns hat damit nichts zu tun. Sie ist immer da – ohne etwas dafür zu tun, bedingungslos.

Zum Schluss dieses Teils möchte ich noch ein paar Worte über Vorsorgetests verlieren.
Ich habe mich in der letzten Zeit nicht mehr damit befasst und bin auch nicht auf dem neuestens Stand, was es alles gibt und welcher Test, welche Aussagekraft hat.
Ich möchte auch tatsächlich niemandem raten, einen Test zu machen oder zu lassen.
Ein paar Gedanken dazu möchte ich dir aber mitgeben.

Die meisten Untersuchungen geben dir eine Wahrscheinlichkeit, keine Sicherheit. Es gibt falsch positive Ergebnisse genauso wie falsch negative. Das sollte dir vorher bewusst sein.

Eine Fruchtwasseruntersuchung oder ein Ultraschall durch einen erfahrenen Untersucher kann sehr viel aussagen. Inzwischen sind die Geräte so gut, dass bereits deutlich vor der 20. Schwangerschaftswoche viele Erkrankungen ausgeschlossen werden können.

Trotzdem besteht nie eine 100%ige Sicherheit.
Diese Sicherheit besteht im Leben nie.
Du kannst plötzlich krank werden, dein Kind auch.
Hier kommt der Moment, wo wir annehmen müssen. Die Situation, das Leben.

Egal, welchen Test du machst, es ist besser, du bist dir über die Konsequenzen klar. Natürlich hofft jeder, dass er die Bestätigung für ein gesundes Kind bekommt. Das ist aber leider nicht immer der Fall. Was machst du, wenn es nicht so ist?

Andererseits schaffst du es, die Konsequenzen zu tragen, wenn du ohne vorheriges Wissen ein krankes Kind auf die Welt bringst?

Jeder von uns ist da verschieden. Jeder muss es für sich selbst entscheiden.
Ich möchte dir nur raten, die Entscheidung mit deinem Partner gemeinsam zu treffen und gemeinsam zu tragen. Denn wirklich schlimm ist, wenn zu einem kranken Kind auch noch Schuldzuweisungen kommen.

Und um diesen Artikel jetzt nicht in trauriger Stimmung abschließen, möchte ich dir noch etwas mitgeben:
Das Leben ist wie es ist. Wir dürfen es leben mit seinen ganzen Hochs und Tiefs. Das Glück sitzt in uns und wir dürfen es entdecken. Es gibt so unglaublich viele schöne Momente, die wir erfahren dürfen. Dafür lohnt es sich, Risiken in Kauf zu nehmen. Und ich glaube, alles hat seinen Sinn. Wenn wir den erkennen, wird unser Leben reicher.

Schreib mir gerne eine Kommentar oder teile ähnliche Erfahrungen.

Demnächst geht es weiter mit Teil 5

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