Meine Kinderwunschgeschichte Teil 5 – Kinderwunschtherapie

Nun hatte ich mein Kind. Irgendwann habe ich auch geglaubt, dass es gesund ist.

Inzwischen fragst du dich vielleicht, was das Ganze mit unerfülltem Kinderwunsch zu tun hat. Berechtigte Frage. Auch wenn alles nicht ganz reibungslos verlief, wäre jetzt eigentlich der Moment glücklich und zufrieden zu sein. Ich hatte ein gesundes Kind und ich war auch sehr glücklich und zufrieden.

Nur leider sind manchmal Emotionen und fest verankerte Erfahrungen und Glaubenssätze viel stärker als das logische Denken. Mal ganz davon abgesehen, dass wir Menschen meistens nicht gerade Meister der inneren Zufriedenheit sind.
So war es auch bei mir.

Wenn du meine Geschichte von Anfang an gelesen hast, weißt du, dass ich ein Einzelkind bin. Damit war ich unglücklich. Der Moment, an dem die 3 Nachbarskinder nach Hause mussten und ich alleine übrig blieb, ist ein Bild, das ich bis heute im Kopf habe. In meiner Vorstellung spielten sie glücklich zu dritt weiter, während ich alleine zuhause saß. Meine Nachbarn waren der Inbegriff einer Familie.
Genauso hat sich der Ausdruck „typisch Einzelkind“ als schlimmstes Schimpfwort festgefressen.
Mein damaliger Mann ist auch ein Einzelkind. Für ihn hat es nie diese große Rolle gespielt. Jeder hat so seine Sicht der Dinge aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und baut damit seine Welt.

Für mich war aber ganz klar: mein Sohn darf kein Einzelkind bleiben. Und ich wollte so gerne eine große Familie haben… mindestens 3 Kinder.
Für diesen Wunsch gibt es auch gar nichts zu entschuldigen. Damit war und bin ich nichts Besonderes.

Mein Kind war gerade ein ¾ Jahr alt, als ich wieder versucht habe, schwanger zu werden.
Es sollte alles passen. Der Altersunterschied sollte gering sein, denn dann könnten die Kinder besser gemeinsam spielen. Auf der anderen Seite war da aber auch noch mein Beruf als Ärztin. Den mochte ich ja auch. Zu lange auszufallen, war eigentlich keine Option.

Ich war recht zuversichtlich. Beim letzten Mal hatte eine einzige Stimulation mit Clomifen gereicht. Also fing ich wieder an, es einzunehmen.
Alleine, ohne gynäkologische Kontrolle… Ich dachte, die Ultraschallkontrollen könnte ich mir sparen. Mit Kleinkind in der Gynäkologie-Praxis lange rumzusitzen, fand ich wenig verlockend.
Da ich inzwischen wieder nach Deutschland gezogen war, hatte ich eine neue Gynäkologin. Eigentlich wollte ich mit ihr das Kinderwunschthema auch gar nicht aufwärmen.

Es klappte nicht.
6 Monate Clomifen – nicht schwanger.
Ich bin dann doch zu meiner Gynäkologin gegangen, die mich relativ schnell in eine Kinderwunschpraxis schickte.

Und dann fing er an – der Teufelskreis.
Spermiogramm, dann Inseminationen mit vorheriger Stimulation.

Bereits zu diesem Zeitpunkt war ich voll im Zeitdruck-Dilemma.
„Oh Gott, der Altersunterschied wird zu groß.“
Zudem war es von Anfang an nicht einfach, die Termine mit meiner Arbeit zu kombinieren… Mein Anspruch war aber, mich deshalb nicht krank zu melden. Ich wollte ja perfekt sein. Und erzählen wollte ich es auch keinem.
Irgendwann habe ich es dann getan. Ich habe mich einer Kollegin anvertraut. Ich bat sie, notfalls meinen Wochenenddienst zu übernehmen, falls ich ausfallen würde. Als es soweit war, hat sie mich stehen lassen….

Nach zwei Inseminationen gingen wir zur IVF (In vitro Fertilisation – künstliche Befruchtung) über. Könnte ja besser klappen. Leistungsdruck!!! ES MUSSTE jetzt klappen.

Abwarten? Geduld haben? Zeit lassen? Entspannen? In meinem Leistungs-orientierten Denken kam das alles nicht vor.

Nach den Erfahrungen, die ich selbst mit vielen Kinderwunschpatientinnen gemacht habe, sowie nach Austausch mit anderen Kinderwunschtherapeutinnen, ist der Anteil der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, die in ihrem Leben bisher erfolgreich waren und sehr Leistungs-orientiert sind, überdurchschnittlich hoch. Ich bin überzeugt, dass der eigene Anspruch und der Druck, der dadurch entsteht, für das ganze Dilemma mitverantwortlich ist.

Ich bin einmalig zu einer Psychologin gegangen. Ich glaube, ihre Tipps waren nicht schlecht. Die Tatsache, dass sie selbst einen unerfüllten Kinderwunsch hatte, ließ mich allerdings schlussfolgern, dass sie mir nicht helfen konnte.

Jetzt, im Nachhinein, schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. Was habe ich mir selbst in dieser Zeit angetan?
Ich war so gefangen in meinen Überzeugungen und den Ängsten, die ich selbst in meinem Kopf produzierte. Ich war verbohrt.

Ich habe tatsächlich einen großen Teil dieser Zeit inzwischen verdrängt. Ich kann den ganzen Ablauf nicht mehr wiedergeben.
Inzwischen habe ich auch den Ordner mit den ganzen Therapie-Protokollen entsorgt. Es war notwendig, um loslassen zu können.

Es folgten mehrere IVFs mit nachfolgenden Kryozyklen (Das bedeutet, es wurden mehr Eizellen gewonnen und befruchtet, als direkt eingesetzt wurden. Diese wurden eingefroren und zu einem späteren Zeitpunkt in einem „Kunstzyklus“ zurück gegeben). Alles erfolglos.

Einmal begann ich zu stimulieren, musste dann aber feststellen, dass die Kinderwunschpraxis über Weihnachten und Neujahr geschlossen hatte.
Panik!!!
Ich war so unglaublich sauer, wie eine Praxis so etwas tun konnte.
Glücklicherweise gab es noch eine Klinik mit IVF-Ambulanz am gleichen Ort, die die Therapie weiterführte.
Die Praxis hatte mein Vertrauen verloren, ich blieb in der Klinik.

Auch darüber schüttle ich jetzt im Nachhinein den Kopf. Ich war später in der Klinik mit der Betreuung sehr zufrieden. Aber aus diesem Grund zu wechseln?!?  Um nicht einen einzigen Monat warten zu müssen?
Spielt es irgendeine Rolle, ob dein Kind einen Monat älter oder jünger ist? (außer vielleicht bei Sportlern, die vor oder nach dem Jahreswechsel geboren werden)

Ich wünschte, ich hätte die Zeit mit meinen jetzigen Erfahrungen erlebt.
Ich wünschte, ich hätte die Ressourcen und das Vertrauen gehabt, das ich jetzt habe.
Es wäre ganz anders gelaufen.

Irgendwann war ich auch in der Klinik nicht mehr zufrieden, denn es fehlte der Erfolg. Ich war immer noch nicht schwanger.
Meine neue Hoffnung galt der Blastozystenkultur, die in Deutschland verboten war.

Ich wechselte nach Österreich.

Hier haben sich plötzlich meine Werte verändert.
Ich war -katholisch erzogen- eigentlich mit ethisch sehr strengen Ansichten bestückt. So war ich ursprünglich ein Gegner der Spirale zur Verhütung, da sich damit ein möglicherweise befruchtetes Ei nicht einnisten konnte. Das bedeutete für mich, Leben nicht zuzulassen.
Und nun war ich plötzlich bereit, eine Selektion zu erlauben. Es sollten mehrere befruchtete Eizellen außerhalb des Körpers wachsen und die, die es draußen schafften, den Weg in meine Gebärmutter finden. Die anderen hatten eben Pech.
Ich fand den Gedanken nicht schön, aber die Hoffnung, auf diese Weise schwanger zu werden, überwog. Im Verlauf kam ich dabei noch in ein richtiges ethisches Dilemma, dazu aber später mehr.

In Österreich wurden wir von einer ICSI (Intrazytoplasmatische Spermieninjektion) überzeugt. Bei einer ICSI wird eine einzelne Samenzelle mit einer sehr feinen Nadel direkt in eine Eizelle eingeführt. Damit sollten sich die Chancen im Vergleich zur IVF nochmals erhöhen.

Auch hier klappte der 1. Versuch nicht. Ich glaube, damals waren keine Eizellen zum Einfrieren übrig.

Der 2. Versuch folgte natürlich schnellstmöglich…
Dieses Mal reagierte ich mit einer starken Überstimulation. Bei der Punktion wurden 40 (!) Eizellen entnommen. Es wurden alle eingefroren und es erfolgte kein Transfer befruchteter Eizellen.
Das Risiko war zu groß.
Bei einer Schwangerschaft nach Überstimulation kann es zu großen Wasseransammlungen im Bauchraum und um die Lunge herum kommen. Gleichzeitig ist im Gefäßsystem zu wenig Flüssigkeit mit Eindickung des Blutes. Das Überstimulationssyndrom kann im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein.

Wieder nichts. Ich war enttäuscht, ich war genervt, ich war sauer.
So langsam konnte ich nicht mehr.
Zu dem Zeitpunkt waren gut 3 Jahre Kinderwunschtherapie vergangen.

Ich sollte eine Pause machen, was ich widerstrebend auch tat.
Dann wurde der erste Kryozyklus geplant.
Dieses Mal ging schon die Vorbereitung schief.

Der Plan war, dass ich durch eine Spritze meinen eigenen Hormonhaushalt lahmlegen und danach mit weiteren Injektionen sozusagen fremd-Hormon-gesteuert einen optimalen Zyklus herstellen sollte.
Leider gab es einen Materialfehler bei der ersten Spritze. Der Wirkstoff löste sich nicht richtig und ich spritze ihn so unter die Haut. Der Erfolg war, dass die Wirkung viel zu spät eintrat, der Kunstzyklus völlig fehlschlug, und ich stattdessen danach für einige Zeit komplett in die Wechseljahre versetzt wurde. (Kleiner Vorgeschmack auf das, was bald kommt.)
Es waren 8 Eizellen aufgetaut worden, 2 davon hatten eine akzeptable, wenn auch nicht hervorragende Qualität, aber aufgrund der Hormonsituation war es sowieso zum Scheitern verurteilt.

Und damit hatte ich die Nase gestrichen voll.
Die Beschwerden der Wechseljahre voll auszukosten, war das i-Tüpfelchen.
Die Kosten der defekten Spritze wurden mir vom Hersteller erstattet – die Kosten des misslungenen Zyklus und v.a. der gesamte Frust erstattete natürlich niemand.

Ich war am Tiefpunkt angekommen und wollte nicht mehr. Zum ersten Mal war ich bereit, aufzuhören – allerdings aus den falschen Beweggründen. Ich hatte keinen Frieden gefunden, sondern war psychisch und körperlich am Ende.
Da war auch keine Perspektive, nur ein schwarzes Loch.

Wenn ich jetzt im Nachhinein dran denke, dass ich zu dem Zeitpunkt einen süßen kleinen Sohn hatte, einen Ehemann, der alles mitgetragen hat, auch wenn die Entscheidungen immer bei mir lagen, einen lieben Freundeskreis und einen tollen erfüllenden Job in einem guten Team, ich das aber alles nicht spüren konnte, tut es mir im Herzen weh. Es tut mir leid, um die Zeit, die ich verloren habe. Die Verantwortung dafür trage ich selbst.

Damals gab es noch wenige Psychologen, die sich dem Thema widmeten. Von Coaches wusste ich nichts, ich glaube, es gab auch nicht so viele – zumindest nicht zu diesem Thema.

Inzwischen habe ich mich sehr viel mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung befasst und viel an mir, meinen Einstellungen und meiner Sicht der Dinge gearbeitet. Es ist nicht immer leicht. Manche Dinge hängen so fest und tief, dass es Zeit und Geduld braucht, ran zu kommen und sich davon zu lösen.
Ich weiß jetzt aber ganz sicher, dass die Zeit ganz anders hätte laufen können – entspannter, schöner, wertvoller.

Demnächst geht die Geschichte weiter…
Bleib dran.

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