Meine Kinderwunschgeschichte Teil 6 – Am Ende wird alles gut…

Zuletzt hatte ich von meinem großen schwarzen Loch nach 3 ½ Jahren Kinderwunschtherapie ohne Erfolg erzählt.
Ich kam an den Punkt, an dem aus Enttäuschung, Verzweiflung und Trauer plötzlich Wut wurde. Ich weiß nicht, ob du das kennst. Ich finde, Wut ist besser auszuhalten als Verzweiflung.
In dem Moment war ich soweit, alles sein zu lassen.
Mich damit abzufinden.
Aufzugeben.
Ja, jetzt war Aufgeben eine Option.

Ich habe mich erst mal 3 Monate lang gar nicht mehr mit dem Thema beschäftigt. Genossen habe ich die Zeit nicht, aber sie war okay. Zumindest war der Druck -oder besser gesagt die Drücke- weg – der Zeitdruck, der Erwartungsdruck, der Leistungsdruck…

Ganz in Ruhe hat es mich allerdings nicht gelassen. Ich hatte noch über 20 eingefrorene befruchtete Eizellen. Der Gedanke, sie nicht zu nutzen, ließ sich nicht zu Ende denken.

Und so kam ich (wie immer natürlich in Absprache mit meinem Mann) zu dem Entschluss, alles auf ein einziges weiteres Mal zu setzen.

Ich ließ mir allerdings noch Zeit.
Zum ersten Mal war der Blick ganz klar auf diesen einen Moment gerichtet. Ich war nicht schon geistig beim übernächsten Versuch.

Ich habe eine Bekannte, die in einer Naturheilkundepraxis auch Kinderwunschpatientinnen betreute, um Ernährungstipps gebeten. Ich selbst hatte ja eine Ausbildung in traditioneller chinesischer Medizin, auch dieses Wissen nutzte ich für meine Ernährung sowie für die Selbstakupunktur. Dazu gab es ein Wohlfühlprogramm. Ich habe es mir einfach richtig gut gehen lassen.

Für den Transfer haben wir uns ein Hotelzimmer am Bodensee gebucht. Wir wollten entspannt dort ankommen und danach entspannt den Tag genießen.

Es wurden alle Eizellen aufgetaut. 2 wunderschöne Blastozysten wurden transferiert.
10 Tage später testete ich positiv.

2 Wochen später bemerkte ich bei der Arbeit Blutungen.
Wieder Panik.
War wohl doch wieder nichts.

Mit der Ausrede, Zahnschmerzen zu haben, habe ich meine Arbeitsstelle verlassen und bin zu meiner Gynäkologin gegangen. Im Ultraschall waren 2 Fruchthöhlen zu sehen. Eine war leer. In einer schlug ein Herz.❤️

Möglicherweise waren die Blutungen durch den Abgang des 2. Embryos verursacht worden… Schade…

Aber ich hatte wieder Hoffnung, wenn auch weiterhin Angst. Ich sollte 2 Wochen liegen. Ich glaube allerdings, dass das lediglich meiner Beruhigung dienen sollte. Egal ob biologisch oder spirituell gesehen, ich glaube, wir können es nicht aufhalten, wenn es in diesem Stadium nicht klappen soll. Das ist leider die Natur oder vielleicht eine höhere Entscheidung, und wir können es nur annehmen.

Ich habe nach den Erfahrungen der ersten Schwangerschaft auf die Ersttrimester-Screenings verzichtet. In der 20. Woche ließ ich einen großen Organultraschall machen. Mir war wichtig, dass ich mich vorbereiten kann, falls etwas nicht in Ordnung wäre. Für das Kind hatte ich mich schon lange entschieden.
Bei den Untersuchungen war alles gut.

Gegen Ende der Schwangerschaft, machte sich meine Gynäkologin Sorgen um die Kopfgröße des Babies. Der Kopf sei im Verhältnis zum Körper zu klein. Sofort war ich wieder in der Panikspirale. Was bedeutete das? Warum? Verzweifelt habe ich die Größen gegoogelt und die Mutterpässe beider Kinder verglichen. Ich habe erfahren, dass das Kind bei zu kleinem Kopf bei der Geburt mit den Schultern hängen bleiben könnte – ein lebensbedrohlicher Moment.
Wieder wurde meine Angst riesig groß und stand in keinem Verhältnis zum Problem.
Die Tatsache, Ärztin zu sein, macht die Situation leider nicht einfacher. Viel zu wissen, macht es meist nicht besser. Das Wissen einer Ärztin, aber die Ängste einer Mutter zu haben, ist eine ganz blöde Kombination.

Die Geburt wurde eingeleitet. Naja, es gibt Schöneres.
Der Knüller war der Schmerzkatheter. Ich bin Anästhesistin und habe viele, viele gebärende Frauen mit Schmerzkathetern versorgt. Bei mir traten (fast) alle Komplikationen dabei auf und ich entging nur knapp dem eiligen Kaiserschnitt… Immerhin konnte ich später dazu in der Klinik eine interessante Fallvorstellung machen.

Nach 4 Jahren Kinderwunschtherapie und 40 Schwangerschaftswochen brachte ein völlig gesundes Mädchen mit völlig normalen Körperproportionen auf die Welt.
Sie ist jetzt 11, beginnend pubertär.

Am Ende wird alles gut. Und wenn nicht alles gut ist, ist es noch nicht das Ende (Verfasser unbekannt)

Wir sind jetzt tatsächlich am Ende meiner Kinderwunschtherapie angekommen. Allerdings noch lange nicht am Ende meiner Kinderwunschzeit.
Damit meine ich meine Gedanken und meine Emotionen zu diesem Thema.
Ich habe mich nach der Geburt meiner Tochter nicht gegen ein drittes Kind entschieden, ich habe mich eher nie mehr aufraffen können, darüber nachzudenken oder es aktiv anzugehen. Der innere Wunsch war noch lange da, der Neid gegenüber Familien mit drei Kindern leider auch.
Ich habe auch später noch lange gebraucht, bis ich mich wieder richtig über eine Schwangerschaftsnachricht freuen konnte. Und was du vielleicht auch kennst: wenn du dich nicht richtig freuen kannst, kommt gleich noch das schlechte Gewissen dazu.
Ich habe Jahre gebraucht, um es so anzunehmen, wie es ist.

Ich habe mental sehr viel am Thema Kinderwunsch gearbeitet. Beschäftigt hatte es mich ja sowieso immer. Mit der Verarbeitung richtig angefangen habe ich aber erst während meiner Ausbildung zum NLP-Coach (neurolinguistisches Programmieren, so eine Art psychologischer Baukasten), bei der wir die ganzen Werkzeuge an uns selbst gelernt haben. Mein Kinderwunsch und seine Folgeerscheinungen war häufig Thema. Allerdings habe ich auch viele andere Lebensthemen bearbeitet, was mir insgesamt und auch in dem Bereich weitergeholfen habt.

Ich glaube, dass du erst, wenn du dich wirklich damit beschäftigst, deine Antworten auf die Frage: ´WARUM GERADE WIR?` bekommst.

Ich kann in zweifacher Sicht jetzt einen Sinn dahinter erkennen.
Als erstes ist es eine Aufgabe, die wir lösen und an der wir uns entwickeln sollen. Der unerfüllte Kinderwunsch beinhaltet viele andere Themen: Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit, Perfektionismus, Leistungsdruck, Abgrenzung, Dankbarkeit, Ängste, Überwollen, Neid, Eifersucht und so vieles mehr.

Diese Themen stecken allerdings nicht nur im Kinderwunsch. Schaffen wir es, daran zu wachsen, haben wir viel für andere Lebensbereiche gewonnen. Es wird sicher nicht unsere einzige Herausforderung bleiben. Und wenn du dich offen und ehrlich in deinem Familien- und Bekanntenkreis umsiehst, wirst du auch erkennen, dass du vielleicht diejenige mit dem Thema Kinderwunsch bist, fast alle anderen aber ihre eigenen Themen haben.

Der zweite Punkt ist die Frage, ob nicht unser Schicksal -oder sei es eine höhere Macht- schlauer ist als wir.
Ich wollte tatsächlich mal sechs Kinder, irgendwann dann unbedingt drei. Bekommen habe ich zwei.
Es ist genau richtig so.
Ich liebe meine Berufe, ich gehe darin auf und ich glaube, ich wäre mit drei Kindern und weniger arbeiten nicht glücklicher gewesen.
Und ich glaube, von meinem Naturell aus, hätte ich es sicher schaffen können, aber wäre ich damit wirklich meinen Kindern gerecht geworden?

Und warum wollte ich eigentlich mehr als zwei?
War das mein innerster Wunsch oder war es die Kompensation meines Einzelkinddaseins?

Inzwischen glaube ich sogar, dass es für mich möglich wäre, ein erfülltes Leben ohne Kinder zu führen. Das hört sich jetzt furchtbar anmaßend an. Und ich bin sicher, das ist ein Satz, den du als Frau oder Mann mit Kinderwunsch nicht hören möchtest oder blöd findest. Und trotzdem traue ich mich, ihn zu sagen.
Ich habe mich durch die Zeit verändert. Ich glaube, zum Guten.
Natürlich bin ich auch deutlich älter. Das mildert tatsächlich auch so einige Erfahrungen ab. „Die Zeit heilt alle Wunden“ ist nicht ganz falsch.

Jetzt ist natürlich die Frage, musst du oder viele andere Kinderwunschpaare auch unbedingt durch diese Erfahrungen gehen, um irgendwann drüber stehen zu können? Egal bei welchem Ausgang?
Oder gibt es eine Abkürzung?
Ich glaube – ja.
Ich bin Kinderwunschcoach geworden, um genau das zu zeigen.
Die wenigsten werden es schaffen, ohne Angst, ohne Traurigkeit, ohne Neid, völlig entspannt und gelassen durch eine Kinderwunschtherapie zu kommen.
Aber ich glaube, dass du die Zeit wesentlich angenehmer und erträglicher gestalten kannst, wenn du selbst die Verantwortung für dich übernimmst.
Das Schicksal kannst du nicht beeinflussen, auch nicht unbedingt die Kommentare und Reaktionen deiner Umwelt. Was es aber aus dir macht, wer du dabei bist, wie du darauf reagierst, das kannst du sehr wohl beeinflussen.
Du verlierst nichts, hast aber die Chance, viel zu gewinnen.
Stell dir vor, deine Freundin erzählt dir, dass sie im ersten Zyklus schwanger wurde und du kannst dich tatsächlich einfach mit ihr freuen???
Und so ganz nebenbei übst du mit einer neuen Haltung auch noch einen positiven Einfluss auf deine Fruchtbarkeit aus. Du machst dich bereit für das Leben, das Leben von dir und in dir.

Zum Schluss möchte ich noch ein Thema ansprechen, das mir auf dem Herzen liegt.

Ich wurde bei der letzten Behandlung mit einem ethischen Problem konfrontiert.
Wie ich erzählt habe, setzte ich beim letzten Versuch alles auf eine Karte. Alle restlichen befruchteten Eizellen wurden aufgetaut. Es wuchsen 8(!) Blastozysten heran. Die zwei schönsten wurden transferiert. Was wurde aus den sechs anderen?
Kurz vor dem Transfer fragte ich nach, ob man sie wieder einfrieren könne. Der Arzt meinte, da müsse er nachfragen, er glaube, das ginge nicht. Der transferierende Arzt wusste nichts davon. Ich habe es nie erfahren. Da ich nie eine Rechnung für die Lagerung bekommen habe, gehe ich davon aus, dass sie vernichtet wurden.
Das hat mich sehr belastet. Ich hatte mir vorher über diese Möglichkeit keine Gedanken gemacht und ich habe lange damit gehadert. Ich fühlte mich schuldig.
Bei einer Behandlung in Deutschland wäre das auch nie passiert. Diese Art der Selektion von Embryonen ist von vorne herein gar nicht erlaubt.
Inzwischen hat sich in der Reproduktionsmedizin viel getan. Die Einfrierprozesse sind deutlich besser geworden. Blastozysten können eingefroren werden.
Ich erzähle das nicht, um mich selbst anzuklagen. Auch das war so wie es war. Ich habe mir selbst verziehen.
Ich möchte nur alle, die sich in einer Kinderwunschbehandlung befinden, darauf aufmerksam machen, dass wir sehr nahe an dem Punkt sind, wo wir mit dem Leben spielen. In unserer Not ändern sich plötzlich unsere Werte. Der Druck lässt alte Überzeugungen plötzlich schwinden. Nur Vorsicht…sie kommen wieder.

Ich bin fertig mit meiner Geschichte.
Ich hoffe, dass du an irgendeiner Stelle etwas für dich rausziehen konntest.

Ich wünsche dir – sofern du dich in der Phase des (noch) unerfüllten Kinderwunsches befindest, dass du später eine andere Geschichte erzählen kannst. Eine Geschichte, auf die du entspannt und vielleicht sogar dankbar zurückblicken kannst.

Natürlich wünsche ich jedem Paar, dass sich dieser Herzenswunsch erfüllt.
Liebe Reproduktionsmediziner, seid mir nicht böse, ich wünschte, man bräuchte euch nicht. Aber das gilt irgendwie ja für alle Ärzte…und Coaches…

Am Ende ist alles gut, und wenn nicht, dann ist es noch nicht das Ende…

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