Medizin, Menschlichkeit und Wertschätzung oder Wer bekommt die 10 Weihnachtsmänner?

23 Jul. 2020 | Happify your Life | 0 Kommentare

Eigentlich liegt es doch nahe.

In der Medizin ist der Umgang mit Patienten, also mit Menschen, menschlich. Menschlich im Sinne von menschenwürdig, den Bedürfnissen entsprechend. Das wird von der Gesellschaft erwartet und es gibt unzählige Pflegekräfte, Ärzte, Rettungsdienstpersonal, Arzthelferinnen, Reinigungskräfte u.v.m., die genau in diesem Sinne arbeiten.

Erschwert werden diese Bemühungen durch die fehlende Zeit… Sicher nicht nur in der Medizin, die Formulare werden mehr, der Jurist spielt die größere Rolle als der Arzt, Qualitätsmanagement führt zu mehr Papier und Auszeichnungen, aber nicht zwangsläufig zu höherer Qualität und schon gar nicht zu mehr (Zwischen-)Menschlichkeit.
Die Hauptaufgabe der Medizin, dem Menschen zu helfen im Sinne seines Bedürfnisses wird konterkariert durch Vorschriften und Auflagen.
Soweit so schlecht.
Ein besonderes Augenmerk möchte ich jetzt jedoch erst einmal auf ein anderes Thema legen. Da ist die Sache mit der Wertschätzung.
Wertgeschätzt zu werden, ist ein ganz zentrales Bedürfnis – privat und beruflich. Wertgeschätzt zu werden, ist mehr als ein Lob. Es bedeutet, dass du gesehen wirst, dass deine Leistung, dein Verdienst erkannt und anerkannt wird. Und spannenderweise erschafft Wertschätzung eine win-win-Situation. Denn sie wirkt motivierend und kann ungeheure Kräfte freisetzen.
Wer profitiert? Der Mensch, sowohl in Person des Patienten als auch der Kollege, der Vorgesetzte, der Chef… Extrapoliert profitiert von wertgeschätzten Mitarbeitern des Gesundheitssystem die Gesellschaft.
Wie funktioniert denn nun Wertschätzung genau? Es handelt sich dabei um die positive Bewertung eines anderen Menschen. Sie ist verbunden mit Respekt, Wohlwollen, Aufmerksamkeit, Interesse….
Es fängt im Kleinen an. Der Patient bedankt sich für die wohlwollende Fürsorge. Die Kollegen realisieren, wenn du für jemanden einspringst, und sind für dich da, wenn du sie brauchst. Der Vorgesetzte nimmt wahr, wie engagiert du bist- nicht nur du, der direkte Mitarbeiter, auch du, die v.a. nachts als Stationshilfe die Regale einräumt. Vielleicht gibt es ein Präsent zu Weihnachten, vielleicht bekommst du eine Möglichkeit, dich weiter zu entwickeln. Deine Leistung wird honoriert – im Kleinen mit Gesten, im Größeren aber auch durch Unterstützung, dort, wo du sie brauchst.
Da gibt es z.B. den einen Oberarzt, der immer an Weihnachten 10 Weihnachtsmänner verschenkt…. An wen? An die Reinigungskraft, die Dame an der Pforte, den Herrn an der Poststelle, die Sekretärin….
Da gibt es den Chefarzt, der einmal im Jahr eine Weihnachtsfeier aus eigener Tasche bezahlt…. Eine Feier für alle in seiner Abteilung, egal mit welcher Ausbildung.
Da gibt es die Kollegin, die beim Abschied 5 Geschenke macht….an die, die am wenigsten gesehen werden und doch täglich so viel leisten.
In der Wirtschaft gibt es Provision für Leistung. Im Gesundheitssystem wird die Leistung leider noch oft als Ehrensache angesehen.
Während der Hochphase der Corona-Pandemie war klar, dass die Mitarbeiter des Gesundheitssystems da sind, dass sie altruistisch ihren Dienst tun. Nicht Beruf sondern Berufung. Dafür wurde geklatscht. In der Zeit der Angst war eine Form der Wertschätzung erkennbar. Von der Gesellschaft für das medizinische Personal.
Und jetzt? Wo ist sie hin? Im Kleinen gibt es sie immer noch – manchmal, vom Patienten an den, der sich besonders um ihn bemüht hat.
Und wie sieht es mit der Wertschätzung von oben aus? Werden die Stationshilfen, die Pflege, oder die, die im Rettungsdienst an vorderster Front stehen, gesehen? Bekommen Sie die Möglichkeit, motiviert und engagiert zu arbeiten? Wissen ihre Vorgesetzten, was sie tun und leisten? Gibt es einen Bonus?
Was tut die Gesellschaft? Erkennt sie die Leistung an? Wertschätzt sie das Engagement auch jetzt? Oder werden die Corona-Lobeshymnen verstummen, der Bonus an Pflegekräfte und Rettungsdienstpersonal einfach unter den Tisch gekehrt?
Erwartet wird weiterhin Menschlichkeit. Erwartet wird, dass wieder mehr Berufene diese Berufe wählen. Erwartet wird, dass es trotzdem billiger wird…aber auch besser.
Ich denke, mit der Wertschätzung könnten wir anfangen. Im Kleinen wie im Großen. Eine Investition in Motivation. Eine Form wäre, sich Gedanken zu machen, was denn die Bedürfnisse des anderen sind… und diese dann zu sehen.
Und damit meine ich gar nicht nur die Politik. Sondern jeden von uns: die Krankenhausleitung, die Arbeitgeber, die Führungskräfte, die Kollegen, die Patienten und die, die es vielleicht später irgendwann einmal werden.
Lasst das Klatschen weitergehen – im übertragenen Sinn.
Und jeder wird profitieren, wenn er es mit jemandem zu tun hat, der sich wertgeschätzt fühlt.

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