Medizin und Spiritualität
Ärztin trägt kleines rotes Herz zwischen den Händen
Medizin und Spiritualität… Geht das?

Ich bin sehr religiös aufgewachsen. Irgendwann konnte ich mit der Institution Kirche nur noch wenig Positives verknüpfen. Das hat auch meinen Glauben sehr zum Wanken gebracht.

Spiritualität war mir fremd. Ich hatte es in die esoterische Kiste gepackt, ohne irgendetwas darüber zu wissen.

Vor 2 Jahren bin ich zum ersten Mal damit in Berührung gekommen. Sehr vorsichtig, sehr kritisch… Inzwischen stecke ich zwischen Neugier und doch einem bisschen bleibender Skepsis.

Bei manchen Dingen wehrt sich mein Verstand.

Gleichzeitig taucht eine Geborgenheit darin auf.

Mir gefällt der Gedanke oder Glaube an etwas Größeres, Sinn-stiftendes.

Mir gefällt die Idee, verbunden zu sein – mit allen und allem um mich herum, aber eben auch mit etwas Größerem.

Mir gefällt auch der Gedanke, dass meine Seele hier in meinem Körper Erfahrungen sammeln möchte. Wobei ich mir hier die Frage stelle, ob es nicht ein Luxusgedanke ist. Ich kann die Idee, dass die Seele frei wählt, nur sehr schwer mit dem unsäglichen Leid vieler Menschen in anderen Ländern in Einklang bringen.

Mir gefällt die Annahme, dass alles zusammengehört.

Mir gefällt die Idee, dass unser Bewusstsein viel umfassender ist als das, was wir von unserem Verstand kennen.

Mir gefallen die Inhalte von Liebe, Mitgefühl und Empathie.

Ich halte die Einheit von Körper, Geist und Seele für ein gesundes Leben für grundlegend.

Ich hadere manchmal mit dem Gedanken der äußeren und inneren Freiheit, weil ich diese manchmal schlecht mit meinem Wert der Solidarität in Einklang bekomme.

Spiritualität wird sehr unterschiedlich definiert.

Für mich bedeutet Spiritualität, mein wahres Selbst zu finden und darauf hinzuarbeiten, es auch zu leben.

 

 

Frau schaut auf eine Bucht des Mittelmeeres

Wer bin ich denn wirklich? Gibt es für mich eine bestimmte Aufgabe?

Aber wie passt das zu meinem Ärztin-Sein?

Auf der einen Seite steht die Evidenz-basierte Medizin, auf der anderen Seite stehen Phänomene oder Erfahrungen, die sich (noch?) nicht beweisen lassen.

Für mich ist das kein Gegensatz mehr. Ich glaube, dass das, was wir wissen, ein Teil ist, genau wie das, was wir nicht wissen und wahrscheinlich auch nie wissen werden. Beides kann nebeneinander stehen.

Die Frage ist viel mehr, wie weit sind wir bereit, uns für Dinge zu öffnen, die wir nicht verstehen?

Und sind wir nicht alle auf irgendeine Art spirituell? Ich denke, zumindest die Ärzte, die palliativmedizinisch arbeiten, dürfen sich regelmäßig damit auseinandersetzen. Wer hat nicht schon einmal die Frage gestellt oder gestellt bekommen: „Warum trifft es gerade mich?“

Und zugleich gewinnt die Wissenschaft nach und nach Interesse an spirituellen Praktiken wie beispielsweise der Achtsamkeit oder Meditation.

Wissenschaftlich wurde auch ein Zusammenhang zwischen intrinsisch motiviertem Glauben und Resilienz nachgewiesen.

Patienten können von einer spirituellen Begleitung profitieren, bei der es vor allem um Dasein, Zuhören und Empathie geht. Patienten dürfen angeleitet werden, ihre Antwort selbst zu finden. Leider steht dies häufig im Widerspruch zum allgegenwärtigen Zeit- und Personalmangel.

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass Patienten, für die Spiritualität in ihrem Leben eine große Rolle spielt, seelisch gesünder sind.

Dies wiederum wirkt sich positiv auf die Heilung aus.

Es ist jedoch immer noch so, dass spirituelle Themen in unserer Gesellschaft noch eher geheim gehalten und als Tabu angesehen werden. Das wiederum hat zu Folge, dass über spirituelle Ressourcen erst dann gesprochen wird, wenn Arzt oder Ärztin damit beginnen. Wie wichtig ist es da, dass wir als Ärzte ein Grundverständnis für Spiritualität haben und die Frage danach in unsere Anamnese oder Gespräche aufnehmen?

Auch für das Krankenhauspersonal selbst ist Spiritualität von Bedeutung:

Nicht selten tauchen Sinn-Fragen auf:

  • Warum opfere ich mich auf?
  • Woraus schöpfe ich meine Kraft?
  • Welche Werte sind mir für mein Leben und für meinen Beruf wichtig?
  • Was mache ich, wenn meine Arbeitsbedingungen mit meinen Werten in Konflikt geraten?

Die Fragen sind nicht nur legitim, sondern auch wichtig für die eigene Gesundheit und sollten nicht belächelt oder verbannt werden.

Ich denke, wir Ärzte dürfen uns als erstes selbst damit auseinandersetzen, dann aber auch die Spiritualität mit unseren Patienten thematisieren.

Sollten wir selbst keinen Zugang dazu finden, ist auch das legitim. In dem Fall halte ich es jedoch für wichtig, es dem Patienten auf jeden Fall zu lassen.

Sollten wir damit konfrontiert werden, dass jemand mit Heilenergie arbeiten möchte, Heilsteine verwendet, Zeit für Gebet oder sonstiges nutzen möchte, dann tut es unserer medizinischen Kompetenz keinen Abbruch, wenn wir es unterstützen. Im Gegenteil, selbst wenn du es dir selbst als Placeboeffekt oder psychologische Unterstützung erklärst, so what?

Wer heilt, hat recht!

Was heilt, hat auch recht!

Und wer weiß,…wenn du dich selbst für Neues öffnest, vielleicht begegnen auch dir ganz neue Horizonte. Wer nur im abgeschlossenen (schulmedizinischen) Keller sitzt, wird auch immer nur Betonwände sehen.

 

 

 

 

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