Was ist eine gute Medizin?
Ärztin am Bett einer Patientin

Ich habe auf der Intensivstation einen jungen Patienten mit GvHD (Graft-versus-Host-Reaktion) nach Knochenmarkstransplantation betreut. Er war jung und sehr schwer krank. Er hatte in seinem Leben viel durchgemacht, unzählige Krankenhausaufenthalte und leider war klar, dass er nicht überleben würde.

Ich wollte meinem Patienten helfen, ihm Zeit schenken, seine Lebensqualität verbessern. Dafür habe ich mein gesamtes medizinisches Wissen, unheimlich viel Zeit, Ehrgeiz und Engagement aufgewendet.

Aber ich konnte ihm nicht helfen.

Jeden begründeten Therapievorschlag hat er abgelehnt…immer mit medizinisch nicht nachvollziehbaren Begründungen.

  • Er wollte kein Diuretikum bei völliger Überwässerung, weil ihm das Atemnot machen würde.
  • Er wollte keine 2 mg Morphin zur Analgesie, weil er davon 2 Wochen schlafen würde.
  • Er wollte tägliche arterielle Blutgasanalysen, die danach logischen Anpassungen der Beatmungseinstellung lehnte er ab, da er sonst keine Luft bekäme.

Ich habe mir den Mund fusselig geredet, bin in Diskussionen gegangen mit ihm, mit seinen Eltern, die ständig um ihn kreisten.

Irgendwann mussten wir ihn entlassen, weil wir nicht mehr wussten, wie wir ihm helfen könnten. Kurze Zeit später ist er verstorben.

Erst viel später ist mir klar geworden, was ich falsch gemacht hatte. Obwohl – falsch ist wertend … ich hatte es in einer positiven Absicht getan. Aber aus seinem Blickwinkel war es falsch.

Es ging bei dem Patienten nicht um die Medizin.

Es ging bei ihm um die Selbstwirksamkeit, darum selbst Entscheidungen treffen zu können. Er suchte nach Durchsetzung und Einfluss.

Inzwischen ist mir so viel über ihn klar geworden:

Er war seiner Krankheit hilflos ausgeliefert.
Er hatte an seiner Seite Helikoptereltern, die sicher aus Angst und Fürsorge, aber mit erdrückender Präsenz über ihn bestimmt haben. Ich weiß nicht, ob das nicht vielleicht auch schon vor seiner Krankheit so war – ich könnte es mir gut vorstellen.

Und nun kam ich, die ihm wieder jeglichen den Einfluss verwehrte.

Wir Menschen streben alle nach einer gewissen Form von Durchsetzung und Einfluss.

Wir alle haben ein Autonomiebestreben als tiefstes Grundbedürfnis.

Und dieses verletzte Bedürfnis stand bei ihm vermutlich höher als das Leid durch die medizinischen Probleme, die ich als so hochwertig eingestuft hatte.

Er hatte ein anderes Weltbild als ich, vielleicht auch einfach zum Schluss einen anderen Lebensinhalt.
Mein Problem war, dass er mit der Ablehnung meiner Therapievorschläge mein Ego verletzte.

Ich habe im Nachhinein so unglaublich viel aus seiner Geschichte viel gelernt, über ihn, über Menschen, über Bedürfnisse, über mich … und über eine gute, empathische Medizin.

 

Gute Medizin ist nicht (immer) eine Krankheit zu besiegen.

Gute Medizin bedeutet, den Menschen darin zu begleiten, seinen eigenen Weg zu gehen.

Gute Medizin bedeutet, unser Wissen und Können anzubieten, nicht aufzuzwingen.

Gute Medizin bedeutet, von unserem eigenen Ego abzulassen.

Das ist gar nicht so einfach, denn dazu müssen wir erst einmal selbst unsere Bedürfnisse kennen und selbst in unserer Mitte stehen.

Gute Medizin bedeutet, mit uns selbst so klar zu sein, dass wir den Patienten als Ganzes sehen können.

Gute Medizin bedeutet auch, loslassen zu können.

Mir ist bei diesem Fall nochmal richtig klar geworden, wie wichtig es ist, sich selbst zu kennen, um eine richtig gute Ärztin sein zu können.

Vielleicht siehst du das jetzt als hohen Anspruch an. Ja, möglicherweise ist es das.

Aber wer profitiert denn in erster Linie, wenn du in deiner Mitte stehst? Wenn du deine Bedürfnisse kennst, wenn du in deinem Grundtonus ankommst und weder an dir zerren lässt, noch ständig durch außen Emotionen getriggert wirst?

Das bist du selbst.

 

Es steht und fällt also wieder mal mit der Selbstfürsorge und der Selbsterkenntnis.

Für mich ist das der Schlüssel…

für meine Zufriedenheit

und für die Zufriedenheit im medizinischen Beruf.

 

 

Möchtest du eine gute Medizin machen? Möchtest du als Ärztin souverän und empathisch einen erfüllenden Beruf leben?
Dann lass dich dabei unterstützen, selbstBEWUSST und frei, deinen ganz persönlichen Weg in der Medizin zu gehen

❤️ Deine Susanne

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